Vom leben, lieben, arbeiten und altern im Oman – Was wir von einem unbekannten Land lernen können

Staub glitzert in der heißen Mittagssonne, als wir die sandige Auffahrt zu dem prunkvollen, großen Haus hinauffahren. Als wir aus unserem weißen SUV aussteigen hören wir Ziegen meckern und Hühner gackern. In der Ferne singt ein Muezzin. Zögerlich treten wir die Stufen zur Eingangstür hinauf, wo uns unzählige Paar Schuhe begrüßen. Flip Flops und Sandalen. Luftige Latschen für Männer, Frauen und Kinder. Aus Leder, Kunststoff oder bedruckt mit den Disney-Prinzessinnen Anna und Elsa, die mittlerweile offenbar überall auf der Welt die Herzen kleiner Mädchen erobert haben. 

Als man uns bemerkt öffnet sich die Tür und eine Schar Kinder sowie einige in traditioneller Kutte gekleideter Männer heißen uns freudestrahlend willkommen. Man bittet uns herein in die geräumige Einganshalle und versichert uns, sich schon den ganzen Tag auf unseren Besuch gefreut zu haben. 

Eine in zarte orangefarbene Tücher gehüllte Frau gehobenen Alters betritt den Raum. Sie scheint die einzige Frau hier zu sei . “This is my mum, she is the boss here!”, stellt uns einer der Männer die runzlige Dame vor, deren Nicken und Lächeln suggeriert, dass auch sie uns herzlich willkommen heißt. Die Herumstehenden lachen. Ein etwa zweijähriger Junge stolpert schüchtern auf mich zu und küsst mir kindlich lächelnd die Hand. Erneutes Lachen.

Man bittet uns, auf dem reichlich mit ornamenten verzierten Teppich Platz zu nehmen. Vor uns werden große Schalen mit  Unmengen an Reis, Gemüse, Fisch, Datteln und Joghurt ausgebreitet. Etwa zu zehnt sitzen wir nun auf dem Boden und essen laut unseren Gastgebern “nothing special, just typical omani food”. Wer den Teller schnell leert begeht einen fatalen Fehler. Ehe man sich versieh ist dieser schon wieder gefüllt. “No thank you” oder nicht aufessen? Keine Option! “My mum will be angry!” sagt der älteste der Brüder lachend und die Runde stimmt mit ein. Nach drei geleerten, zuvor übervollen Tellern wird ein “No thank you” dann schließlich doch akzeptiert. Einige Kinder leisten uns Gesellschaft. Ein kleiner Junge zeigt sich besonders von unseren blonden Haaren begeistert. Wo hier wohl die Frauen essen, fragen wir uns. 

Plötzlich öffnet sich eine Tür und eine dürre, mindestens 90 Jahre alte Dame wird uns vorgestellt. Die Tante der zuvor kennengelernten Mutter. Wir stutzen. Sie ist in ein rotes, mit Rosen bedrucktes Gewand gehüllt. Ihre Nase wird von goldenen Steckern geziert, ihre zarten Arme tragen goldene Reifen. Die runzligen Hände und Füße zeigen Reste roten Nagellacks. “She can’t walk and hear anymore” erklärt man uns. Doch ihr inneres Kind scheint quicklebendig zu sein und den Schalk im Nacken zu haben. Sie ergreift unsere Hand während sie im Schneidersitz vorwärts robbt. Kein Rollstuhl, kein Rollator. In einem Land, in dem sich das Leben auf dem Boden abspielt, dem Alter größter Respekt gezollt wird und das Zusammenleben als Großfamilie oberste Priorität hat, scheint die Integration der Alten alles andere als ein Problem zu sein. Ich schäme mich innerlich, als ich an unser deutsches System des Abschiebens ins Altersheim denke.

Die Frauen unter uns begleiten die alte Dame in den Nebenraum und wir lernen etwa acht oder neuen junge Frauen kennen. Sie sitzen in einer gemütlichen Runde auf dem Boden, unterhalten sich, checken ihre Smartphones nach den neusten Posts auf Instagram oder spielen mit den umgerwuselnden Kindern. Die Mädchen unter Ihnen gekleidet wie glitzernde Prinzessinnen aus 1001er Nacht. Welch ein Mädchentraum!

Wir lernen uns gegenseitig kennen und werden prompt zu einer bevorstehenden Hochzeit eingeladen. Da wir un drei Wochen leider nicht schon wieder in den Oman reisen können, erhalten wir unsere Gastgeschenke einfach direkt. Die Braut reicht uns in bunten Stoff eingewickelten Weihrauch und erklärt uns die daran befestigte, selbst designte Karte. Da sich die Omani-Frauen zu Feierlichkeiten die Hände kunstvoll mit Henna bemalen, erhalten wir auch gleich ein eben solches Henna-Kunstwerk. Schließlich können wir ja leider nicht zur Hochzeit kommen.

Nachdem wir einen benachbarten Reitstall gezeigt bekommen haben und uns Kunststücke mit einem heißblütigen arabischen Pferd vorgeführt wurden, wir eine Bootstour übers Meer gemacht haben und während dessen über Gott und die Welt philosophierten, sitzen wir mit dem ältesten der Brüder und einigen Kindern am Strand. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen. Es gibt ein Barbecue. Nun gut, schon wieder essen! Ablehnen ist keine Option. Als wir ihn fragen, ob er noch weitere Kinder neben seinen dreien haben wolle, antwortet Mohammad: “Well, actually I am thinking about my second wife. But an openminded one. Maybe from another country.

Wow, nun wird das Gespräch interessant! So verwundert wie wir über seine Aussage sind, so verwundert scheint unser Gastgeber darüber, dass Polygamie in Deutschland per Gesetz verboten ist. Er erklärt uns, dass es wichtig sei, dass sich die Frauen gut unter einander verstehen und er finanziell für sie sorgen müsse. Daher sei solch eine Entscheidung gut zu überlegen. 

Mohammad arbeitet übrigens 5 Tage die Woche von 8 bis 12 oder 13 Uhr. “Too much work is not good. I am a business man but need time for my family.” Auf sein Einkommen von monatlich 8.000€ muss Mohammad keine Steuern zahlen. Auch für eine Krankenversicherung muss er nicht selbst sorgen. Im Oman übernimmt dies der Staat. Gleiches gilt für die überwiegend berufstätigen Frauen. Das Öl hat den Oman reich gemacht und der jederorts beliebte Sultan die Menschen zufrieden. Kriminalität gibt quasi nicht. Die Menschen haben schlichtweg keinen Grund dazu.

Next time when you come to Oman my friends, I will prepare something special, today was nothing special”, sagt Mohammad, während wir mit Gastgeschenken beladen und mit offenen Mündern vor Begeisterung über diesen Tag Abschied nehmen.

Wer diese Menschen waren? Die Familie eines Geschäftsreisenden, den wir zufällig im Flugzeug auf dem Weg nach Maskat kennenlernten, der Hauptstadt des Oman. DAS ist die Gastfreundschaft der Omani!

Alles Liebe,

Anni
P.S.: Unsere kleine aber feine Reisegruppe hat sich im Übrigen über www.travelsation.com zusammengefunden. Tolles Konzept, schau doch mal vorbei!

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