Ein Wochenende in Stille – oder – Warten auf die Erleuchtung

Klarer blauer Himmel, die Sonne scheint und es ist bitterkalt. Wir parken vor dem doch reichlich verfallenen, ehemaligen Bauernhof in der Pampa in Niedersachsen, halten inne, und denken uns: „Nun gut, hier wird es wohl sein.

An der Tür lesen wir „Meditationskloster Lilienhof“ – ja, hier sind wir richtig!
Nur wenige Stunden und ein paar Tassen Kräutertee später finden wir uns schweigend auf Meditationskissen im Dachgeschoss des alten Hauses wieder – worauf habe ich mich da eingelassen? Vor mir liegt ein Wochenende in absoluter Stille. 48 Stunden schweigen, meditieren, aufstehen um 05.30 Uhr mit dem Gongschlag, Kaffeeverzicht und ganz viel Atmen – soll gut für die Seele sein. Nun gut, was tut man nicht alles für sein Seelenheil.

Wir „Seelenheil-Suchenden“ halten also von nun an den Rand – reden darf nur noch die Obernonne. Hannah ist schätzungsweise Ende 50, hat einen geschorenen Kopf, trägt ein weißes, wallendes Gewand mit orangem Pashmina-Schal und hat sich für ein Leben als buddhistische Nonne entschieden. Acht erwachsene, sich bis dato fremde Menschen, die die Nächte gemeinsam im Schlafsaal in Doppelstockbetten verbringen werden, lauschen andächtig. „Meditieren sorgt dafür, dass der Geist ruhig wird und man klar sehen kann“ sagt Hannah. „Gedanken und Gefühle sind wie hohe Wellen auf dem Meer. Ist die See rau kann man den Grund nicht sehen.“ Klingt einleuchtend, also los, meditieren wir mal!

Der Anfang läuft ganz gut, brav hüpfe im am Samstagmorgen aus meinem Doppelstockbettchen um Punkt 6 Uhr auf meinem Meditationskissen zu sitzen. Auf geht´s: Eine knappe Stunde im halben Lotussitz – Augen zu – atmen – Gedanken verscheuchen – in sich hinein horchen – Ungeduld aushalten – Langeweile aushalten – eingeschlafene Gliedmaßen und Rückenschmerzen aushalten – ab und zu mal blinzeln um abzuchecken, ob ich denn wirklich die einzige bin, der der Spaß hier nicht ganz so leicht fällt – und im Zweifel, richtig, immer schön atmen!

Nun denn. Den Rest des Tages verbinden wir schweigend beim achtsamen Haferschleim essen, beim achtsamen Laubhaken im Garten, beim achtsamen Spazierengehen im Wald und sehr achtsamem Gemüsebrühe löffeln, bevor es Abends wieder auf´s Meditationskissen geht. Sehr achtsam schlafengehen steht für 20.30 Uhr auf dem Plan. Ich bin reichlich stolz auf mich!

Doch dann kommen sie, die fiesen, kleinen, sich amüsierenden Gedanken. „Altobelli ist mir langweilig! Was tue ich hier eigentlich!? Wo ist mein Handy?“ (Logisch, Handy ist natürlich verboten. Nut achtsame Stille ist erlaubt, sonst nix!)

Während also acht erwachsene Menschen gemeinsam auf die vermeintliche Erleuchtung warten komme ich langsam zu dem Fazit: Meditieren schön und gut! Ein Wochenende in Stille, echter Luxus! Sich auf sich besinnen: klasse Sache!
Aber: Ausschlafen, Essen gehen, Instastories checken und einfach mal unachtsam sein sind auch sehr feine Dinge. Kurzum: Ich werde vorerst keine buddhistische Nonne sondern mag mein weltliches Leben doch sehr. Aber wer weiß, vielleicht gönne ich sie mir bei Bedarf nochmal, die Ruhe auf dem Lilienhof. Hier ist im übrigen jeder willkommen!

In diesem Sinne: Immer schön atmen!

Alles Liebe,
Anni

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